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rde ich mein künstlerisches schaffen selbst definieren, einen eigenen kommentar verfassen, so könnte dadurch nur allzu sehr die impression, die ich zu erwecken gedachte, simplifiziert, also verfälscht werden.

mein schöpferisches, gestaltendes schaffen ist in meiner poesie enthalten, anders möchte ich mein schaffen nicht formulieren.

also träume, augenblicke der poesie, eben dieser zustand, wo sich die grenze der dunkelheit des unterbewußtseins und der helligkeit der weite verwischen.

diese präzision des ausdrucks läßt schließlich die gegensätzlichkeit verschwinden, es entsteht eine einheit, ein zustand der verständigung.

mein künstlerisches schaffen ist die poesie, die unablässig nach der harmonie sucht, nach der einheit zweier welten, der inneren und der äußeren; dieses schaffen hat mich zum pantheismus, zur eigenen metaphysik geführt.

in diesem zeitalter der spezialisierung will ich das recht auf naivität bewahren, will ich das recht dazu haben, erstblicke auf diese welt werfen zu können.

in meinem laboratorium der phantasie entferne ich mich mit maximalem bewußtsein und einem risikogefühl von der alltäglichen sprache, von herkömmlichen vorstellungen, von üblichen gemütsbewegungen und erlege mir eigene horizonte und perspektiven auf.


halina jaworski
28. 7. 1975




Zu den Arbeiten von Halina Jaworski


Da gibt es die alte Kinderfrage:"Kann Gott alles machen?" , und die Antwort; " Natürlich kann er es" wird durch die zweite dann folgende Frage:"Auch einen Stein, den Er selber nicht aufheben kann?" tatsächlich in eine Dimension gekippt, die das, was sich uns entzieht, andeutungsweise im Paradoxon umreißt. Etwas machen, das den Widerspruch beinhaltet, hat mit Schöpfung zu tun. Kunst belegt das. Bei Halina Jaworski sind es Arbeiten, die immer wieder überraschend klar und ohne symbolische Beschwernis Konstellationen fixieren, die zwangsfrai sind. Sie verbindet Bilder und Worte, Gesten des Zeichens und vorfabrizierte »Starrheit, zum Beispiel Tesafilm, Schnüre oder Polaroidfotos, oder setzt Farbe in Weiß, das von seiner Natur her unendlich erscheint, auch wenn es begrenzt ist durch das Format. All das Ausgewählte von ihr zur Darstellung Benutzte bringt die eigene Gesetzmäßigkeit mit ein, wird zusammengefügt in Analogie zum humanen Miteinandersein, nichts existiert allein, wird nicht manipuliert, sondern benutzt als Dokumentation dem Zweeckhaften entbunden. Das Destruktive im Fertigen ist Ausgangspunkt jeder Arbeit. Auch die gelegentlich in die Arbeiten hineingeschriebenen Wörter haben diesen Status des Zweckfreien, Trivialen, sind da wie Signale, die sich nicht zerreden lassen. Sie weisen darauf hin, von welcher entscheidender Bedeutung für Halina Jaworski Sprache ist. Worte werden ohne visuelle Ausdeutung als Faktum für sich gesetzt, wobei es durchaus sein kann, daß sie im Verlauf der Arbeit später spielerisch durchgestrichen werden; so sind sie doch nicht aufgehoben, sondern eingearbeitet ins Ganze. Nichts dominiert, nichts ist im Detail dechiffrierbar, weder in den Bildern noch in den Objekten oder in den Büchern, weil alles insgesamt eine Aussage ist. Ein schwerloser und genauer Hinweis auf die Wahrheit der leicht zerstörbaren und doch beharrlichen Individualität des Menschen, die sich mit diesen Arbeiten behauptet. Es verbinden sich so selbst die auf den ersten Blick entgegengesetzten Arbeiten in der Aussage und durch die Behandlung des Materials, das stets als Spielmaterial eingesetzt wird. Spielen wird hier zum Prinzip einer künstlerischen Ausdrucksform, bezeugt menschliches Sein, verteidigt es gegen die Vorherrschaft der Dinge, die das Sein ins Haben pervertieren, gegen mechanische Ordnungen und Festlegung in Begriffen. Auch die Abfolgen verschiedener Arbeiten, die miteinander eine Sequenz bilden, weisen auf Spielregeln, die einmalige Vorläufe verbinden. Sie sind nicht konstruiert, sondern festgehalten mit der Bestimmtheit, mit der Würfel fällen - bevor sie wieder aufgehoben werden zum neuen Wurf. Sie haben so die unabdingbare Genauigkeit jeder Poesie, das flüchtig Erscheinende wird dauerhaft. Halina Jaworski wünscht bei vielen ihrer Arbeiten, daß man sie in die Hand nimmt, von Ort zu Ort trägt, auf- und zumacht und durchblättert, dann, so schreibt sie, "kann man ins Innere schauen, spürt man das Herz und kann spielen".


Ingrid Bachér, 1979





Die Arbeiten von Halina Jaworski erschließen sich am ehesten in der Serie, in der Sequenz, in der Aneinanderreihung. Sie erfordern oft vom Betrachter aktive Mitwirkung. Sie sagt: „Meine Werke sind nicht nur zum Sehen da. Ich will, daß man sie in die Hand nimmt, sie hält, berührt, aufhebt, von Ort zu Ort tragt, aufmacht und zumacht". Einfache Handlungen, die aber wie Gesten eines vertrauten, aber nicht bekannten Rituals wirken. So zeigt z. B eine Arbeit liegende eiserne Stoßkugeln, aufgereiht, fast in Erwartung der Aufhebung dieser Ordnung. Der Betrachter weiß nicht, wie schwer die Kugeln sind. Wie wird er sich verhalten? Wird er passen? Oder es versuchen und es schaffen, oder nicht schaffen? Wie wird er sich aus der Affäre ziehen? Worte und Bilder gehören für Halina Jaworski zusammen. Aber genauso wenig wie Bilder Illustrationen sind, so sind die Worte als Kommentar gemeint. Sie sind sozusagen gleichberechtigt nebeneinander.


Evelyn Weiss, 1979




frau jaworski ist mir vor zwei jahren durch ihre
interessanten experimentellen arbeiten aufgefallen,
sie gehört zu den wenigen künstlern an der kunstakademie, welche sprache und schrift in die bildnerischer vorgänge einbeziehen, und zwar gelingt ihr das so elmentar, dass sie sich auch schon in ihren anfängen unserer aufmersamkeit sicher sein sollte, ich habe dann eine umfangreiche ausstellung von ihr in selb (bayern) organisieren können, sie hat den raum, der ihr zur Verfügung stand, sehr gut gemeistert und mit ihren werken grosses Interesse hervorgerufen. im unterschied zu anderen skripturalen künstlern der gegenwart verzichtet sie nicht auf wortbedeutung sondern setzt wortbedeutung, wortgestalt und oft auch wortentstehung geschickt miteinander in beziehung.
sie gehört deshalb meines erachtens zu denjenigen
studenten unserer akademie, deren weg zu beobachten
bereits ein gewinn ist. ich würde und werde ihr jegliche
förderung zukommen lassen.


eugen gomringer, prof., 1979




Der mehrfache Dialog


Mit ihrem Ausspruch:"Nichts existiert allein" meint Halina Jaworski, daß die Malerei nicht allein für sich spreche, sondern ein Zwiegespräch mit Partnern führe. Die Sprache ist für sie von großer Wichtigkeit. War früher das geschriebene Wort innerhalb ihrer Arbeit lesbar, so wurde es mit der Zeit zum Relikt, gelegentlich durchgestrichen und schließlich im Zuge der Reduktion ganz weggelassen. Gleich wie Symbole und geometrische Zeichen, die ihrer Bedeutung entkleidet und auf die einfache banale Form reduziert wurden und durch die Umwandlung einen neuen Sinngehalt erhielten Für Halina Jaworski sind Worte keine Kommentare, sondern Tatsachen, wie Bilder Teile unseres Denkens sind und keine Illustrationen - Worte und Bilder, beides sind Fakten. So sind ihre Bücher oder ihre aufklappbaren Bilder zu verstehen, eine Abfolge von Gedanken. Selbst in der Weglassung der Sprache der Wortfetzen, der Buchstaben beinhalten die neuen Arbeiten von Halina Jaworski Sprache, denn die einzelnen Teile einer mehrteiligen Arbeit sind miteinander im Dialog. Wichtig in ihrer Arbeit isr, daß sich das Material der Form unterordnet, und diese wiederum die Farbe trägt, die in einem Fiückkoppelungsprozeß durch ihre Materialität die Form markiert. Halina Jaworski arbeitet spontan, aus der augenblicklichen Eingebung heraus an einer mehreckigen Form, die sie aus einer größeren ,,normalen" Form heraus schneidet, bis zu dem Moment, da die Form in sich selbst in ihrer Logik stimmt. Diese intuitve, spontane Arbeitsweise beinhaltet auch, daß sie alles selber macht, das Sägen der Keilrahmen und das Bespannen mit der ungrundierten Leinwand. Diese wird mit einer der wenigen Farben, die sie überhaupt benutzt, bemalt. Dabei summt die Farbe immer mit der Grundform überein, erster Dialog: der zwischen Form und Farbe. Dieser Form gesellt sich eine zweite hinzu, die auf die gleiche Weise entstanden ist, zweiter Dialog: die beiden Formen kommunizieren miteinander. Dazu kommen eine weitere, eine vierte, eine fünfte usw. bis die Arbeiten zu einer Sequenz geworden sind, wobei sich jede Wandinstallation in ihrem Aussehen gegenüber einer anderen Wand verändert. Die vielen Formen sind miteinander im Gespräch: dritter Dialog; sie sprechen in Gruppen miteinander, zwei zu zwei oder eins zu drei, vierter Dialog, fünfter. Und doch haben sie nur eine Stimme, bei aller Unterschiedlichkeit im Aussehen: sechster Dialog. Dabei kommt es zu keinem Sich-aneinander-anpassen, zu gegenseitigem Rücksichtnehmen, denn die eigene Identität und Individualität jedes Teils einer Arbeit bleibt erhalten, wird betont, niemals aufgegeben. Ein Gleichnis entsteht: Kommunikation zweier Menschen miteinander, aber auch zweier Staaten zum Beispiel. Und schließlich ein weiterer Dialog: der zwischen der Künstlerin und ihren Werken mit uns, den Betrachtern.

John Matheson, 1982




Als kleines Kind schon liebte Halina Jaworski Bücher, Bilderbücher und solche, die Erwachsene zur Hand nehmen, um daraus vorzulesen, aber vor allem Bücher als Spielzeug, das sich aus Regalen ziehen ließ, das man blättern und zerreißen, mit dem man bauen und werfen konnte. Buch beinhaltet für Halina Jaworski alles, was ihr wichtig ist, das Optische wie das Haptische, Form und Schrift, Bild und Erzählung. Vielleicht hätte sie eines Tages selbst zu schreiben begonnen. Doch als sie, durch den polnischen Antisemitismus zu diesem Schritt gezwungen, 1968 Danzig verlassen mußte und nach Jerusalem zog, verlor sie ihre Sprache. Im Polnischen fühlte sie sich nicht mehr, im Deutschen noch nicht und im Hebräischen zu keinem Moment genügend verwurzelt, um sich in Worten auszudrücken. So suchte und fand sie ihre eigene Sprache, eine Sprache aus Farben, Formen und Zeichen.
Im Laufe der Jahre änderte sich diese Sprache. Bis 1977 entstanden äußerst sensible, zarte, in Weiß, Beige und Eierschaltönen gehaltene Zeichnungen, Bilder und Buchobjekte. Schriftzeichen, teils leserlich, teils unleserlich, und Fundstücke aller Art bildeten einen wichtigen Bestandteil dieser Arbeiten. Fast spielerisch wurden die einzelnen Elemente zusammengefügt, Beziehungen hergestellt, Sequenzen geschaffen. Doch schließlich wurde der Umgang mit den Formen zur Routine, die Möglichkeiten des bis dahin benutzten Vokabulars erwiesen sich als erschöpft. Was folgte, war, zumindest vom Inhaltlichen her gesehen, kein abrupter Bruch, sondern Reduktion und Verdeutlichung dessen, was vorher entstand. Über die Beschäftigung mit Polaroidphotographien fand Halina zur Farbe, Schriftzeichen und Worte verschwanden, der "Textcharakter" der Werke verlor sich. Heute fungiert die Leinwand nicht mehr als Trägerin von Chiffren, sie wird zum Zeichen selbst, bunt und polygonal.
An der den Traditionen des Bauhauses verpflichteten Kunstakademie von Jerusalem erzogen, hat sich Halina Experimentierfreude und Liebe zum Material bewahrt. Eine Form konkretisiert sich immer erst während des Arbeitsprozesses. Plötzlich, so sagt Halina, ist sie da, als habe man ein goldenes Fischlein gefangen. Vieles fließt in diese Formen ein, ihre Liebe zu Polen ("Polnischer Adler in Uniform"), ihr unbewußt-bewußtes Verhaftetsein in jüdischen Traditionen ("Alef"), aber auch ganz einfach Stimmungen, Klima, Alltägliches.
Die meisten Objekte sind miteinander kombinierbar. Nichts existiere für sich allein, glaubt Halina. Doch ähnlich wie Menschen, die sich ständig neuen Situationen ausgesetzt fühlen und trotz aller Anpassung doch im Kern die gleichen bleiben, besitzen für sie auch Formen eine zweckungebundene Identität, ganz gleich, in welchen Zusammenhang sie gestellt werden. So ist "Alef" zwar Name des ersten Buchstaben im hebräischen Alphabet, bedeutet gleichzeitig Stier, ist also Wort und Schriftzeichen zugleich. Doch Halinas Interesse gilt nicht der Doppeldeutigkeit eines Begriffes, ist nicht philologisch ausgerichtet. Als Illustration sprachlicher Phänomene möchte sie ihr Werk keinesfalls verstanden wissen, lhre Arbeiten stehen vor allem für sich selbst, Signale, die sich auf der Wand zu einer bunten Zeichensprache fügen.

Katharina Hegewisch, "Neue Malerie in Deutschland", Prestel Verlag, 1983



HALINA JAWORSKI
(po polsku)


Wohl kaum jemand kann in seiner Kunst die Gebrechlichkeit, Unvollständigkeit, das zur Hälfte Bestehende auf eine so überzeugende Weise darstellen wie Halina Jaworski. Dabei geht es nicht um die Zerbrechlichkeit oder Nichterfüllung von etwas Bestimmtem, sondern um den Begriff an sich, um den ständigen Zustand. Man könnte sagen - um das Empfinden (nach Malewicz) der Unvollständigkeit. Wenn man annehmen würde, daß die Kunst dieser jungen Künstlerin vor allem spontan ist - wie der Autor der ihr gewidmeten Skizze, John Matheson, behauptet -so könnte man in Erwägung ziehen, daß sich in ihrer Kunst die Spuren ihrer Trennung vom Vaterland in sehr jungen Jahren widerspiegeln. Es ist nicht ausgeschlossen, daß irgendwo, in den die Persönlichkeit der Künstlerin formenden Quellen ein Riß, eine aus der Sehnsucht stammende Nichterfüllung stecken, die zwar weder so bezeichnet noch bewußt zur Kenntnis genommen wurden, aber die da sind. Und obwohl die Künstlerin im Ausland lebt und arbeitet, wird in ihrem Zuhause bewußt polnisch gesprochen.

Als eine der begabteststen Schülerinnen der Günther-Uecker Klasse an der Kunstakademie in Düsseldorf, begann sie noch vor Abschluß ihrer Studien mit selbständigem Kunstschaffen und betrat die künstlerische Laufbahn. Ihre frühesten Arbeiten aus den 70er Jahren waren der Sprache und dem Buch gewidmet. Ihre sprachlichen Experimente waren mit dem Wechsel ihres Wohnlandes verbunden. Das waren vergleichende Gegenüberstellungen von z.B. Deklinationen und Konjugationen in zwei Sprachen, wobei diese Aufzeichnungen eine plastische Struktur erhielten. Die Bücher von Halina Jaworski waren zwar unterschiedlich, aber stets im Großformat. Ihr erstes Buch war In Huldigung an Strzeminski, das nächste Das Buch der Liebe war etwa 1,5m hoch aus großen Pergamentpapierbögen angefertigt, von denen die angehefteten Folien sich so abklebten, daß auf jeder sich auftuenden Seite die Aufschrift ,,Liebe" zu lesen war. Es entstanden auch Bücher in Form von ostasiatischen Kakemonen, eine Folge von Wandbüchern, d.h. Bildern, die sich wie Bücher Seite für Seite aufschlagen lassen, geschlossen oder offen, wie gedruckte Bände, haben sie stets eine andere Seite, die immer ungewiß bleibt. Zur selben Zeit befaßte sich Halina Jaworski auch mit anderen schöpferischen Formen, so u.a. mit Collagen, mit Reliefs, sentimentalen, ironischen und anspielenden Assemblagen, sogar mit Pleinair-Arbeiten.

Halina Jaworski hatte niemals Probleme mit einer ständigen Form oder Technik. Wichtig f'ür sie war der Kommentar, die Widmung, die die Künstlerin formell hinter ein Spiel oder quasi Experiment versteckte. Bis 1977 beschränkte sie sich auf das Weiß. Ab 1977 begann sie eine Serie geometrischer Bilder. Das Weiß sollte die Askese symbolisieren, obwohl die Geometrie mit der Ordnung eines künstlerischen Programms auch nichts gemeinsames hat. Anläßlich des Jahrestages der Vereinigung beider Städte Wuppertal und Barmen führte Jaworski 1979 im Auftrag der Sradtbehörden eine Komposition aus, die laut Voraussetzung schon von weitem und vor allem von der 100 Jahre zuvor erbauten Schwebebahn sichtbar sein sollte. Entlang des Flusses Wupper stellte die Künstlerin eine 10 m hohe Mastreihe auf; an jedem Mast war eine 4 m breite weißsilberne Fahne befestigt, in der eine Öffnung von 1m Durchmesser ausgeschnitten war. Dieser von dem Grün der Bäume, Sträucher und Hügel abstechende weiße Wald knatternder Fahnen, durch die der Wind wehte, strahlte Würde und Poetik, Schlichtheit und Reinheit aus.

1981 begann die Künstlerin wohl den wichtigsten Abschnitt ihres bisherigen Schaffens, eine Serie mehreckiger Leinwandbilder, die sie in Abkürzung Ecks nannte.Der Äshetizismus hat zu diesem Kunstschaffen keinen Zutritt. Es verspottet die Tradition, stellt sich ihr entgegen und schlägt eine Neuentdeckung der Kunst vor. Dieses Schaffen kann ein tragischer und ein scherzhafter Kommentar sein. Die Ecks füllen ausgezeichnet den Raum. Sie verspotten die Bildmalerei, sind zugleich ihr neuer Vorschlag.

Die Ecks erinnern manchmal an etwas Bekanntes, wie z.B. an den Grünen Adler, häufiger aber flattern sie bestimmungslos an den Wänden. Durch ihre formlose Massivität unterscheiden sie sich von allem, was man bisher gesehen hat, und verlangen durch ihre eigenartige und unwiederholbare Schönheit Achtung.

Der Inhalt des Kunstschaffens von Halina Jaworski ist genauso lebhaft und bunt wie die Persönlichkeit der Künstlerin. Ihre Ausdrucksmittel sind unwahrscheinlich vielfältig. Und was das wichtigste ist, sie sind keine Nachamungen. Die Gedankenorginlität und schöpferische Bereitschaft der Künstlerin , mit neuen Vorschlägen aufzuwarten, ist verblüffend.

Die bisherigen Errungenschaften von Halina Jaworski lassen hoffen, daß sie in Zukunft weiterhin neue und noch größere schaffen wird.

Bozena Kowalska

Projekt 5'85



Zu der Bildserie „Ahnen" von Halina Jaworski
(po polsku)

1984 setzt die große Bildserie „Ahnen" bei Halina
Jaworski ein. In diesen Gemälden öffnen sich imaginäre spirituelle Räume, die zunächst architektonisch erfahrbar erscheinen. Doch in den Leitlinien der Konstruktion verirrt sich der Betrachter schnell und erfährt auf diese Weise: Die Räume, die die „Ahnen"-Bilder erschließen—oder die sich noch in ihnen verbergen — sind erlebte Innenräume. Dabei stehen wir häufig vor Raumsegmenten: Paravantartige Gebilde durchlaufen den Bildkörper, springen vor und zurück, klappen auf und zu, verstellen den Hintergrund oder öffnen den Blick. Die mehrteiligen Bilder erscheinen selber in sich eine solche paravantartige — man könnte auch sagen klappaltarhafte — Struktur aufzuweisen. Die diagonalen Bildlinien — mit schwarzer Lackfarbe unterstrichen—führen die Komposition nach oben, gleichsam aus den Bildkörper hinaus, in den Kosmos hinein. Der betonte Duktus des Pinselstrichs gibt den farbigen Flächen Transparenz, sie scheinen diaphan, von Licht hinterlegt.
Eine Handlung des Auf- und Zuklappens, ein Blättern
wie in kostbaren Folianten scheint sich also in diesen Bildern abzuspielen. Die Gemälde weisen deutlich eine Erzählstruktur auf, die bei manchen der Werke durch Symbole näher bestimmt wird. Diese erzählerischen Details sind Hinweise auf die jüdische Synagoge, auf die jüdische Religion. Man sieht den siebenarmigen Leuchter, Menora, ebenso wie den Mittelpunkt des Synagogen-Gebäudes, die Bihma, von der aus gelehrt wird. Die Shoffar-Hörner des Neujahrsfestes sind zu erblicken ebenso der brennende Dornbusch. Auch Architektursegmente des Orients erscheinen. Eine Hommage auf den im 19. Jahrhundert 23jährig verstorbenen jüdischen Maler Mauricy Gottlieb — der ein Selbstbildnis in der Synagoge malte und auf dessen Gewand angespielt wird — wird gegeben.
Doch dieser Hinweis auf die „Wurzeln" ist nur ein
Aspekt der „Ahnen". Diese Bilder sind gemalt auch im Geiste bestimmter kunsthistorischer Vorbilder — man spürt die Auseinandersetzung etwa mit Lissitzky, mit dem russischen Konstruktivismus, auch mit Stella — und reflektieren schließlich den eigenen künstlerischen Wer degang, sind also eine komplexe Bündelung künstlerischer, historischer, menschlicher Erfahrung. Vorausgingen beispielsweise ab 1979 die „Ecksen"-Reliefs, Vieleckige, in den Raum klappbare Bildkörper, die ebenfalls bereits ein irreales Raumgerüst aufweisen. In der Installation „Verlorenes Paradies", 1981 für die Düseldorfer „Treibhaus"-Ausstellung geschaffen, begegnen wir in einer erzählerischen Zusammenstellung der in den Raum
aufgeklappten vierteiligen blauen Pyramide — gleichsam
ein auf dem Boden stehendes, spitz nach oben verlaufendes Bild von Sklaverei und Herrschaft , der Jakobsleiter, dem roten Ritterkreuz, dem Bildstock an der Säule mit der expressionistischen Teufelsbeschwörung. Die konkrete Kunst, die Konstruktion führt in den Werken Halina Jaworskis zur persönlich erlebten symbolischen Form, zu malerischen Gedankenräumen, die sich erschließen und verbergen.


Stephan von Wiese



Ansichtskarten- Ansichtssachen

Menschen unterwegs. Historisch gesehen: was bleibt einem nach einer Reise in Erinnerung? Es sind die Bilder, die man mit sich trägt.
Es gibt da aber auch Bilder aus der Kindheit, Bilder von Orten, von Dingen und all den Sachen, die um einem herum waren, und immer noch sind.
Verreist schickt man an die Lieben zu Hause Ansichtskarten von Orten, die man aufgesucht hat, von Architektur, außen und innen, von Erlebnisorten. Man sammelt die Ansichtskarten von unterwegs, aber auch die, die angekommen sind, von Freunden, Verwandten, oft zeigen sie die Orte oder Dinge, die man noch nie gesehen hat, und vielleicht auch nie sehen wird; Manchmal sind es Erinnerungen, und manchmal Anregungen.
So auch meine Ansichtskarten: das sind Fotografien von Orten, Sachen, Erlebnissen, von innen und außen, von kleinen und großen Dingen um mich herum, Bilder die ich mit mir trage, aber auch Bilder, von denen ich sonst keine Notiz nahm, Bilder, die ich erst beim Fotografieren bemerkte oder die ich erst auf den Fotos sah.
Und da sind ja noch die Aquarellen: das sind Bilder die ich vor- trage und zum Papier bringe. Diese Aquarellen werden dann mit den Fotografien collagiert, dies geschieht auf so eine Art, dass sie in sich ein Geheimnis tragen, Teile der aquarellierten Bilder werden durch die Fotos verdeckt, so dass nur ich weiß, was sich darunter verbirgt, es entstehen Geheimnisse.
Als Kind habe ich oft mit meinen Freunden so gespielt: in die Erde wurde ein Loch gehöhlt, dann wurden einige Gegenstände oder Blumen
hinein getan, dann legte man ein Stück Glas darauf und verdeckte es mit der Erde. Dieses Spiel nannten wir "Geheimnisse".
Die "Ansichtskarten" haben starken autobiografischen Charakter, sie tragen in sich viele Geheimnisse, treten zu mehreren gleichzeitig auf, haben den Charakter eines Tagebuches, und werden gezeigt wie Seiten aus einem Buch: nebeneinander und untereinander, wie in einem Drehbuch kann man darin den Ablauf ablesen.
Ich glaube das mir mit den "Ansichtskarten" ein sehr authentisches Stück meines Schaffens gelang. Denn, würde ich mein Künstlerisches Schaffen definieren sollen , einen eigenen Kommentar verfassen, so könnte dadurch nur allzu sehr die Impression, die ich zu erwecken gedachte, simplifiziert, also verfälscht werden. Mein schöpferisches, gestaltendes Schaffen ist in meiner Poesie enthalten. Träume, Augenblicke, Gebärden, der Zustand, wo sich die Grenzen zwischen Erlebtem und dem noch Unbekanntem, zwischen dem Bewussten, dem Weiten und Hellen, und der Dunkelheit des Unterbewusstseins, verwischen. Die Präzision des Ausdrucks lässt schließlich die Gegensätzlichkeit verschwinden, es entsteht eine Einheit, ein Zustand der Verständigung. Man könnte auch sagen, dass ich nach Verständigung suche, nach dem Zustand der Harmonie, nach der Einheit zweier Welten, der Inneren und der Äußeren. Dieses Schaffen hat mich zur eigenen Metaphysik geführt.
In diesem Zeitalter der Spezialisierung will ich das Recht auf Naivität bewahren, will ich das Recht dazu haben, Erstblicke auf diese Welt werfen zu können.
In meinem Laboratorium der Phantasie entferne ich mich mit maximalem Bewusstsein und einem Risikogefühl von der alltäglichen Sprache, von herkömmlichen Vorstellungen, von üblichen Gemütsbewegungen und erlege mir eigene Horizonte und Perspektiven auf.

Halina Jaworski, 2004